Applaus am Boot, Applaus am Ufer – die Leistung war grandios. Und dennoch reichte es nicht ganz: Der Apnoetaucher Minja Marinković hat den neuen deutschen Tiefenrekord knapp verfehlt. Der 29-Jährige tauchte an der Allmannshauser Steilwand mit einem Atemzug auf die angestrebten 85 Meter ab. Doch beim Auftauchen wurde er kurz vor der Oberfläche in etwa drei Metern Tiefe ohnmächtig – ein Blackout, wie es die Taucher nennen. Damit zählt der Rekord nicht. Wäre er gewertet worden, wäre der 29-Jährige – der zu den weltbesten Apnoetauchern zählt – der Erste in Deutschland gewesen, der in einem See diese Tiefe erreicht. Der bisherige Rekord liegt bei 80 Metern und stammte aus dem Jahr 2011. Rund neun Bar Druck herrschen da unten, die Luft in der Lunge wird auf ein Neuntel zusammengedrückt. Es gehe ihm gut, es sei nicht dramatisch, sagte er kurz nach dem dreiminütigen Tauchgang. Dass man scheitere, «das gehört zum Sport». Es sei dennoch ein schöner Tag gewesen, die Unterstützung durch das Team großartig, sagt der Ingenieur. Er will es wieder versuchen. «Das wird wiederholt.» An Land bekommt er viele Umarmungen, Familie und Freunde sind da und haben mitgefiebert, Mutter und Schwester. Sie konnten den Versuch über ein Handy auf der Tauchplattform live verfolgen. Sorgen hätten sie sich nicht gemacht – es sei alles sicher und gut gelaufen, sagt Schwester Anja. Sie sei stolz auf ihren Bruder und habe volles Vertrauen in seine Fähigkeiten. Die Hauptgefahr beim Freitauchen ist Bewusstlosigkeit durch Sauerstoffmangel. Wettkämpfe finden deshalb unter streng kontrollierten Bedingungen statt, mit Sonar, Gegengewichtssystem und mehreren Sicherungstauchern. An der Steilwand von Allmannshausen hatte 2018 bereits der Apnoetaucher Jens Stötzner versucht, den Rekord zu brechen. Er schaffte es auf 81 Meter. Auch er verlor beim Auftauchen das Bewusstsein. Rekord ungültig. Die große Herausforderung in Seen sind die absolute Dunkelheit und die Kälte – auch im Hochsommer. Vier Grad herrschen in der Tiefe, neun bar Druck wirken in gut 80 Metern auf den Körper. Die Luft in der Lunge wird auf knapp ein Neuntel zusammengedrückt. «Es war sehr kalt und dunkel», schildert Marinković den heutigen Tauchgang. Ein paar Faktoren hätten dazu geführt, dass er nicht seine volle Leitungsfähigkeit hatte, darunter Schlafmangeln und die Verzögerung des Tauchgangs aus technischen Gründen. Er war in der Disziplin Free Immersion ohne Flossen gestartet. An einem Seil zog er sich nach unten. Ab etwa 30 Metern beginnt der freie Fall, kopfüber in die schwarze Tiefe. Am Zielpunkt der Griff nach dem «Tag», ein Stück Stoff, das er zum Beweis mit hochbringen muss. Dann am Seil wieder nach oben. Über den Neoprenhandschuhen trug er Gartenhandschuhe, mit Klebeband befestigt. Sie haben mehr Grip. Doch knapp vor der Oberfläche verlor Marinković den Kampf: Es sei wie «in einen Schlafzustand fallen», beschreibt er das Gefühl des Bewusstseinsverlusts. Marinković wurde von einem Sicherungstaucher nach oben gebracht, kurzzeitig Mund-zu-Nase beatmet und bekam dann Sauerstoff. Er war gleich wieder bei Bewusstsein. Drei Sicherungstaucher und eine Ärztin hatten den Versuch begleitet. Wettkampfrichter des Verbandes Aida International konnten Marinković den Rekord nicht bestätigen – sie mussten die rote Karte zeigen anstatt der erhofften weißen. Voraussetzung ist unter anderem, dass der Taucher aus eigener Kraft nach oben kommt und bei Bewusstsein ist. Trotzdem, so Wettkampfrichter Nils Heininger, Vizevorsitzender von Aida Deutschland: «Es ist für mich eine krasse Leistung.» Heininger beschreibt das Apnoetauchen so: «Es ist sehr anspruchsvoll, mental ruhig zu bleiben, während der Körper eigentlich auf Alarm schalten sollte. Aber wenn es gelingt, ist man in einem meditativen Zustand und schaltet völlig ab. Das sind die Tauchgänge, nach denen Freediver irgendwann beinahe süchtig werden.» Marinković spricht von einem Gefühl «wie auf einem anderen Planeten». «Man ist sehr ruhig – und sehr alleine», so der Taucher. «Es ist ein sehr friedliches Gefühl. Wie eine starke Meditation.» Lange Zeit ging man davon aus, dass ein Mensch ohne technische Hilfsmittel nicht tiefer als etwa 40 Meter tauchen kann. Nun liegt der Rekord im Meer in der Disziplin Free Immersion bei 137 Metern. Ähnlich wie beim Höhenbergsteigen, bei dem ein Aufstieg am Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff vor Reinhold Messners und Peter Habelers Erfolg als unmöglich erschien, die Frage: Wo liegt die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit – wie weit lässt sie sich durch Technik und Training verschieben?Gehört zum Sport
Sauerstoffmangel
Kalt und stockdunkel
Rote Karte
Wie eine starke Meditation
Bildnachweis: © Stefan Puchner/dpa
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Blackout stoppt Apnoetaucher kurz vor Tiefenrekord
Kurz vor dem Ziel wird er ohnmächtig: Apnoetaucher Minja Marinković taucht mit einem Atemzug auf 85 Meter – doch der Rekord bleibt unerreicht. Warum der Versuch nicht zählt und wie er damit umgeht.
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