Auch am fünften Tag nach den verheerenden Erdbeben mit offiziell 1.719 Toten in Venezuela geben die Rettungskräfte nicht auf. Doch unter den Angehörigen der Opfer wächst die Verzweiflung, da sie befürchten, nicht einmal die Leichen ihrer Angehörigen zurückzubekommen. «Falls es noch Überlebende unter den Trümmern geben sollte, zählt für sie jetzt jede Sekunde», sagte Simone Walter, Nothilfekoordinatorin der Organisation Help, am Montag. «Aus unserer Erfahrung von früheren Erdbeben wissen wir, dass nur circa zehn Prozent aller Vermissten noch lebend geborgen werden können, die Zeit rennt also.» Nach einer Modellrechnung der US-Erdbebenwarte USGS dürften Zehntausende Menschen ums Leben gekommen sein. Erschwert werden die Sucharbeiten durch zahlreiche Nachbeben. Am Morgen (Ortszeit) erschütterte nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS ein Beben der Stärke 4,6 vor der Küste Venezuelas die Region. Die venezolanische Erdbebenwarte gab die Stärke mit 4,2 an. Wie der Präsident der Nationalversammlung Jorge Rodríguez mitteilte, gab es mehr als 600 Nachbeben. In manchen Fällen seien Menschen zwar unter eingestürzten Gebäuden eingeschlossen, hätten aber keine Verletzungen davongetragen, sagte die Leiterin eines Einsatzteams aus Kolumbien dem venezolanischen Staatsfernsehen in der Nacht. In diesen Fällen gebe es Hoffnung. Klar sei aber auch, dass jede Stunde ohne Wasser und Essen die Chancen auf eine Rettung verringere. Einige Menschen wurden seit Sonntag noch lebendig aus den Trümmern gezogen - am Wochenende etwa eine 60-Jährige in Caraballeda in La Guaira, die nach Angaben von El Salvadors Präsident Nayib Bukele nach 86 Stunden gefunden wurde. Sie habe zwischen zwei Wänden festgesteckt und mit einem Stück Metall gegen die Steine geklopft, um die Rettungsteams auf sich aufmerksam zu machen, berichtete die Frau dem US-Sender CNN. Dann sei sie durch ein kleines Loch ins Freie gezogen worden. «Ich kam Stück für Stück und unter großen Schwierigkeiten heraus, wie ein Baby bei einer Geburt», sagte die 60-Jährige. In der Nacht auf Montag sei ein Mann sogar noch nach 106 Stunden lebend gefunden worden, schrieb Venezuelas geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez auf der Plattform X. Doch danach - und bis Montagnachmittag (Ortszeit) - wurden zunächst keine weiteren Bergungen von Überlebenden bekanntgegeben. Laut einer inoffiziellen Plattform für die Suche nach Vermissten gelten derzeit mehr als 45.000 Menschen als vermisst - nachdem mehr als 80.000 Vermisstenmeldungen eingegangen waren. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. Menschen suchen auch nach den Namen ihrer Angehörigen auf Listen von Überlebenden, die sich etwa in Notunterkünften befinden. Auch zwei deutsche Such- und Rettungsteams sind in Venezuela im Einsatz - eines vom Technischen Hilfswerk (THW) und eines von der Organisation @fire. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin gibt es weiterhin keine Hinweise auf deutsche Opfer. Die EU kündigte am Montag die Errichtung einer humanitären Luftbrücke an. Von Kopenhagen aus sollten Anfang der Woche insgesamt 50 Tonnen an Hilfsgütern in die betroffenen Gebiete geflogen werden, darunter Material für Notunterkünfte, Wasser- und Sanitäranlagen und Lehrmittel, teilte die EU-Kommission mit. Außerdem würden fünf Millionen Euro für humanitäre Hilfe in den am stärksten betroffenen Kommunen bereitgestellt. Während die Sucharbeiten andauern, harren zahlreiche Menschen in Notunterkünften oder unter freiem Himmel aus. «Wir sehen überall Familien auf der Straße – Familien, die alles verloren haben und nicht in die Trümmer ihrer Häuser zurückkehren können», sagte Fatima Andraca, Länderdirektorin von Save the Children in Venezuela, in einer Mitteilung. Die Strom- und Wasserversorgung, Telekommunikation und Transportwege seien in der Katastrophenregion nach wie vor stark beeinträchtigt. Die ohnehin schlecht ausgestatteten Krankenhäuser seien überlastet und die Schulen in den betroffenen Gebieten geschlossen. Besonders Kinder benötigten langfristige Unterstützung, um mit den Folgen der Katastrophe zurechtzukommen, hieß es. Venezuela befand sich vor den Erdbeben ohnehin schon in einer schwierigen Lage. Seit Jahren leidet das Land unter politischen Spannungen, wirtschaftlichen Problemen und einer der größten Migrationskrisen der Welt. Im Januar führte Washington einen Militäreinsatz im Land durch, bei dem der autoritäre Machthaber Nicolás Maduro gefangen genommen wurde. Die geschäftsführende Präsidentin Rodríguez war Vizepräsidentin in der Maduro-Regierung.Spektakuläre Rettungen geben Hoffnung
Tausende werden noch vermisst
Hilfe auch aus Europa
Kinder besonders betroffen
Venezuela seit Jahren in der Krise
Bildnachweis: © Javier Campos/dpa
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Bereits mehr als 1.700 Tote nach Erdbeben in Venezuela
Teams aus aller Welt suchen in Venezuela unter Trümmern nach Vermissten. Gleichzeitig harren zahlreiche Menschen unter freiem Himmel aus. Überall wird Hilfe benötigt. Die Verzweiflung wächst.
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