11. Februar 2026 / Aus aller Welt

Vorwurf Polizistenmord: Prozess beginnt emotional

Im vergangenen Sommer wird ein Polizist bei einem Einsatz im Saarland erschossen. Jetzt hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Es gibt Tränen und ein Geständnis.

Der Prozess hat mit der Anklage und der Einlassung des Angeklagten begonnen.
Veröffentlicht am 11. Februar 2026 um 14:33 Uhr

Für die Witwe des getöteten Polizisten ist es ein schwerer Gang. Erstmals sitzt sie im Gerichtssaal am Landgericht Saarbrücken dem jungen Mann gegenüber, der ihren Mann im August 2025 bei einem Einsatz im saarländischen Völklingen erschossen haben soll. Die Anklage lautet auf Mord.

Immer wieder kämpft sie mit den Tränen: Vor allem als Oberstaatsanwalt Christian Nassiry beschreibt, wie der 19-Jährige sechs Schüsse auf ihren Mann - einen 34 Jahre alten Polizeioberkommissar - abgab, als dieser ihn festnehmen wollte. Der Polizist ging zu Boden und starb wenig später.

Angeklagter legt ein Geständnis ab

Zum Prozessauftakt gesteht der Angeklagte die tödlichen Schüsse. Er habe in der Situation Angst um sein eigenes Lebens gehabt, erklärte sein Verteidiger Michael Rehberger.

Ja, er habe zuvor eine Tankstelle überfallen und knapp 600 Euro erbeutet. Dann sei er geflohen, mehrere Polizisten verfolgten ihn. Ein Polizist - ein Kommissaranwärter - holte ihn ein und packte ihn von hinten. Sein Mandant sei von einer Festnahme ausgegangen.

«Als dann ein zweiter Beamter auf ihn zielte, hatte er Angst, erschossen zu werden», sagte Rehberger. Dieser Beamte war der später getötete Polizist, der einen Taser auf den Deutschen mit türkischen Wurzeln gerichtet hatte. «Er hatte gedacht, es sei eine Schusswaffe», sagte Rehberger.

«Er fürchtete um sein Leben»

«In Panik» habe der 19-Jährige aus dem Holster des Kommissaranwärters «ohne Mühe» die Dienstwaffe gezogen und dann abgedrückt - auf den Polizisten Simon Bohr, den er tödlich verletzte. Rehberger: «Er fürchtete um sein Leben.» Auch weitere Schüsse habe er abgegeben. Der Polizist in Ausbildung wurde dabei verletzt.

«Er ist nicht der brutale Killer, sondern er ist vermutlich ein sehr kranker junger Mann», sagte Rehberger. Es gebe Hinweise auf Schizophrenie und auf eine kombinierte Persönlichkeitsstörung und Angststörungen.

Dies könne dazu führen, «dass jemand überreagiert» und «Dinge tut, die ein normaler Mensch in diesem Moment nicht tut». Das könnte einer der Gründe sein, warum es dann zu diesen Schüssen kam, sagte der Verteidiger.

Alle 17 Schuss aus Dienstwaffe abgefeuert

Die Anklage wirft dem 19-Jährigen auch versuchten Mord und besonders schweren Raub vor. Mit dem Tat habe er seine Beteiligung an dem Tankstellenüberfall verdecken wollen, sagte Nassiry. Außerdem seien die Mordmerkmale Grausamkeit und Mordlust gegeben.

Der Angeklagte soll auf den bereits am Boden liegenden wehrlosen Polizeibeamten noch mal «gezielt aus nächster Nähe mit absolutem Vernichtungswillen» mehrfach geschossen haben. Den letzten Schuss habe er «fast an den Kopf» aufgesetzt, sagte der Oberstaatsanwalt.

Der junge Mann habe alle 17 Schuss aus dem Magazin abgefeuert. Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzten. Am ersten Prozesstag war der Zuschauerraum bis auf den letzten Platz belegt.

Der Angeklagte soll psychisch krank sein

Aufmerksam hörte man auch den Aussagen des Angeklagten zu, der mit leiser Stimme und gesenktem Kopf über sich und sein Leben erzählte. Seit der Grundschule leide er unter wiederkehrenden «schlechten Gedanken» und auch Angstzuständen. Er habe bereits etliche Ärzte besucht.

Und er nehme deswegen auch Medikamente. Im letzten Jahr seien diese Gedanken und Gefühle mehr geworden. «Ich fühle mich beobachtet. Und ich habe das Gefühl, die Leute lästern über mich.» Wegen seiner Probleme sei er auch zwischenzeitlich länger nicht zur Schule gegangen.

Das Reden fällt dem Angeklagten sichtlich schwer. Immer wieder macht der Schüler lange Pausen. Die Vorsitzende Richterin Jennifer Klingelhöfer sagte, es könnte auch eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus in Betracht kommen.

Große Betroffenheit gibt es auch bei der Polizei. «Man hat diesen Tag des Prozessbeginns natürlich irgendwie herbeigesehnt und gleichzeitig hat man ihn natürlich auch gefürchtet», sagte der saarländische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Andreas Rinnert.

Die Einlassung des Angeklagten hinterlasse Spuren. Es mache doch sehr nachdenklich, wenn man «den Eindruck gewinne, man könnte hier eine gewisse Schuldumkehr rauslesen» - nach dem Motto: eigentlich sei die Polizei schuld und der Angeklagte habe «nur aus Angst» gehandelt.

Da der Angeklagte Heranwachsender ist, steht er vor der Jugendkammer des Landgerichts. Wenn er für das Tötungsdelikt nach Jugendstrafrecht verurteilt werde, drohten bis zu 15 Jahre Haft, sagte der Gerichtssprecher. Der Prozess ist bis 14. April terminiert.


Bildnachweis: © Laszlo Pinter/dpa
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